Der Prozess hat bisher deutlich gezeigt: die Shoah ist vorbei, aber ihre Folgen sind es nicht. Die transgenerationale Traumaweitergabe spielt für die Betroffenen während des Prozesses selbst und auch bei der Bearbeitung der Folgen dieses rechten Anschlages in Halle eine große Rolle. Auf der Mahnwache vor dem Landgericht sprach Kamil Majchrzak vom Vorstand des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) über die Nachwirkungen der Gewalterfahrungen in den Familien der NS-Verfolgten und seine eigenen Erlebnisse aus den sog. Baseballschlägerjahren in Deutschland nach der Wende und teilte seine Einschätzungen zum Halle-Prozess.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste,

wir kommen gerade aus dem Landgericht, ein weiterer Verhandlungstag gegen den Mörder des Anschlages in Halle gegen die Menschen in der Synagoge und gegen die Menschen im Kiez-Döner, ein Anschlag der zwei Menschleben gefordert hat, geht zu Ende. Wir kommen mit sehr gemischten Gefühlen aus dem Gerichtssaal. Wir haben dort einen Nazi vor uns. Einen Holocaust-Leugner. Es ist ein bedrückendes Gefühl, denn man muss ihm nichts nachweisen, was nicht ohnehin feststeht: er bereut nichts, er steht zu seiner Tat, man muss ihm im Gerichtsverfahren nicht nachweisen, was er getan hat. Der Mörder zieht Grimassen, wenn ihm die Bühne für seine Selbstdarstellung verwehrt wird und er mit den persönlichen Erfahrungen von Nachkommen und den Erlebnissen ihrer Angehörigen, welche die Shoah überlebt haben, konfrontiert wird.

Der Mörder schaut uns ohne Scham in die Augen. Das ist eine neue Qualität, dass ein Mörder einfach zu seinen Hass-Verbrechen steht und nichts bereut, sich der vermeintlichen gesellschaftlichen Anerkennung seiner Tat offenbar sicher ist. Der glaubt, dass seine Zeit in der Gesellschaft noch kommen wird.

Ich möchte Euch sehr herzlich danken dafür, dass Ihr hier diese Mahnwache organisiert. Ich danke Euch auch im Namen der Überlebenden der Shoah und der KZ-Häftlinge aus Polen für Eure Arbeit. Marian Kalwary, der Vorsitzende der Vereinigung der Jüdischen KombattantInnen, der das Ghetto in Warschau überlebt hat, aus ihm geflohen ist und sich später auf der sogenannten arischen Seite versteckt hat, grüßt Euch alle sehr herzlich. Er dankt Euch dafür und möchte Euch stärken, indem was Ihr hier macht!

Mahnwache vor dem Landgericht

Sprachlosigkeit überwinden

Der Anschlag von Halle geht uns alle an! Es ist nicht nur ein deutsches Problem. Allein in Polen wurden nach der Befreiung 1945 noch 2000 Überlebende der Shoah ermordet! Wie stark ist der Hass? Wenn der Antisemitismus nach Auschwitz nicht überwunden wurde, welche Anstrengungen müssen wir nach Halle gemeinsam unternehmen?

Und wir müssen deshalb alle diese Erfahrungen aus diesem Gericht heraus und in die Gesellschaft hineintragen. Denn die Sprachlosigkeit, die Sprachlosigkeit, vor der wir stehen, angesichts dieser Morde, dieser Tat, macht uns nicht zugleich auch handlungsunfähig! Ich fragte gestern Marian Kalwary: „Was kannst Du den Betroffenen des Anschlages als Überlebender der Shoah sagen?“ Seine Antwort war: „Wir stehen an Eurer Seite.“ Aber die Vorkommnisse machen auch ihn sprachlos.

Auschwitz hat uns weder weiser noch nachdenklicher gemacht! Sonst wäre diese Tat in Halle wie viele andere antisemitische, antiziganistische und rassistische oder antimuslimische Hass-Verbrechen gar nicht möglich. Gar nicht denkbar! Halle sagt uns nichts, was wir nicht schon vorher hätten wissen müssen. Das Unbehagen dieser Feststellung, diese Sprachlosigkeit macht uns aber nicht handlungsunfähig!

Es geht darum die Voraussetzungen dafür zu zerschlagen, die diese Tat erst möglich gemacht haben; denn sie wurde wieder denkbar gemacht. Wir brauchen Bildung. Trotzdem: Der Hass ist nicht das Resultat von einem Mangel an Büchern oder Zeugnissen von Überlebenden der Shoah.

Die Zeugnisse der Überlebenden zeigen uns eine besondere Ethik auf: Wir müssen achtsamer werden! Wir müssen die Verantwortung für das Gegenüber übernehmen, auch bei Differenzen, Meinungsunterschieden und Abneigungen!

Ihr zeigt es, versucht verschiedene antirassistische Gruppen in einem Bündnis zusammenzubringen, zu mobilisieren. Ich danke Euch auch dafür, dass Ihr den Mut und die Ausdauer aufbringt hier so lange zu MAHNEN!

Aber diese Mahnung muss viel breiter und tiefer in die Gesellschaft hineingetragen werden. Es müssen weitere MultiplikatorInnen und gesellschaftliche AkteureInnen mobilisiert werden. Hier vor dem Landgericht müssen LehrerInnen und SchülerInnen sprechen, VertreterInnen der Kirchen, Gewerkschaften, soziale Verbände und viele andere, um deutlich zu machen, dass dieser Anschlag uns allen galt und sich gegen eine divers-kulturelle Gesellschaft richtet! Deshalb bin ich heute als Nachkomme von polnischen Auschwitz-Überlebenden und Zwangsarbeiterinnen hier.

[Wird durch Sirenen unterbrochen, als der Täter in einer Kolonne von Polizei-Fahrzeugen aus dem Landgericht gefahren wird]

Ich bin hier auch aus persönlicher Notwendigkeit, auch um mich selbst mit meinen Erfahrungen zu konfrontieren. Wenn man als Prozessbegleiter an einem solchen Verfahren teilnimmt und sich mit solchen Morden, mit solchen Taten auseinandersetzt, dann versucht man objektiv den Prozess zu begleiten, man versucht es gesamtgesellschaftlich zu betrachten.

Aber es gibt bei solchen Ereignissen immer auch eine sehr persönliche Perspektive. Diese haben viele von Euch. Ihr seid hier aus unterschiedlichen Gründen, sei es aus eigener Betroffenheit, aus Überzeugung, aus einem Verständnis für die ethische Verantwortung den Menschen gegenüber.

Das hat mir persönlich gefehlt: vor 23 Jahren gefehlt. Denn in den 1990er Jahren, den sogenannten Baseballschläger-Jahren im Osten, hat das alles wahrscheinlich auch den Anfang genommen für die jüngsten Verbrechen. Diese verbrecherische Ideologie, die dazu führt, dass man andere Menschen angreift.

Ich möchte Euch deswegen auch eine persönliche Geschichte erzählen. Was mich besonders berührt und aufgebracht hat, ist, dass so viele Menschen, die den Mord an Jana L. vor der Synagoge gesehen haben, einfach vorbeigefahren oder vorbeigegangen sind. Dass sie nicht reagiert haben.

Gedenkkranz mit Bildern von Jana L. und Kevin S.

Verantwortung für das Gegenüber übernehmen

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Herr Max Privorotzki hatte heute den Grund erklärt, warum er sich der Nebenklage anschloss. Er erläuterte in seiner Aussage, was ihn bewegt: Er will aufklären und verstehen! Es ist nämlich nicht möglich, dass niemand von der Einstellung des Mörders vorher etwas bemerkt haben will. Es ist nicht möglich, dass der Kauf eines 3-D-Druckers unbemerkt blieb, dass jemand Monate in einer Metallwerkstatt verbringt und sich unbemerkt auf eine solche Tat vorbereitet. Dass es weder die Mutter, der Vater, der Kollege und das Umfeld des Mörders nicht merken.

Dieser Hass, diese Einstellung muss vom Umfeld bemerkt worden sein und das ist das, was uns zu denken geben sollte. Das sollten wir aus dem Gerichtssaal mitnehmen und in die Gesellschaft tragen und unsere Sprachlosigkeit über diese Tat überwinden und deren Entstehungsbedingungen bearbeiten.

Marian Kalwary, ein Überlebender der Shoah und des Warschauer Ghettos sagte mir gestern am Telefon, er ist …

[Ein Fahrradfahrer ruft laut: „der Täter muss freikommen!“ TeilnehmerInnen der Mahnwache protestieren lautstark]

…  Marian Kalwary – mit dem wir in den letzten Jahren als Initiative „Ghetto-Renten Gerechtigkeit Jetzt!“ gemeinsam um die Auszahlung von Ghettorenten für polnische Juden und Roma gekämpft haben, Esther Dischereit, die hier steht, hat uns dabei tatkräftig unterstützt und viele andere – … Er war auch sprachlos angesichts der Mordtaten, obwohl er den Holocaust überlebt hat, weil er keine rationale Erklärung kennt, wie solche Taten 2020 erklärt werden können.

Aber, was man tun kann, es gibt immer die Möglichkeit Widerspruch zu leisten und, genauso wie am 9. Oktober 2019 es auch ein Mann getan hat, der als Kurier gearbeitet hat und an der Synagoge vorbeifuhr, der anhielt, um zu schauen, was mit Jana L. ist.

Was ist mit dieser Frau? Warum liegt diese Frau regungslos auf dem Boden? Er hatte den Mut, er hat angehalten. Gegen ihn wurde ebenfalls die Waffe des Mörders gerichtet! Wir müssen diesen Mut haben, wenn wir sehen, dass Menschen sich auf bestimmte Weise äußern, ihren Hass zum Ausdruck bringen, andere Menschen angreifen: dann müssen wir einschreiten! Wir müssen sofort und frühzeitig agieren.

Damit es eben nicht zu so einer Tat kommen kann. Diese Menschen, die Widerspruch leisten, die eingreifen, die haben mir vor 23 Jahren persönlich gefehlt.

Verletzungen und die Weitergabe von Traumata

In einer November-Nacht 1997, an einem Tag, der in Polen „zaduszki“ heißt, Allerseelen also und man ähnlich wie beim Jiskor-Gebet an Jom Kipur der Verstorbenen gedenkt und sich ihrer erinnert, wurde ich am Gedenkstein für die in der Reichspogromnacht 1938 in Frankfurt (Oder) zerstörte Synagoge angegriffen. Eine Gruppe Neonazis versperrte mir den Weg, da sie das Stadtzentrum als Nationalbefreite-Zone betrachtete. Sie pöbelten mich an, beleidigten und schlugen mich schließlich gezielt von hinten auf den Hinterkopf mit einem Baseballschläger.

Ich erinnere mich an das warme Blut, das am Nacken runter lief. Ein monotones Pfeifen in den Ohren. Ich sah einen Nebel, der vor mir in dieser Novembernacht aufstieg, und ich wußte weder, ob das Wirklichkeit war oder Einbildung. Alles war bruchstückhaft. Ich erreichte den Grenzübergang, ein erschrockener BGS-Beamter, die Sirene des Krankenwagens, die Not-OP, die Blätter im Wind hinter der Scheibe im Krankenhaus. Die Stille, die Einsamkeit, die Angst, die Un-Wirklichkeit. Die fehlende Fähigkeit die Gegenwart vom Vergangenen zu unterscheiden.

„Zaduszki“, das ist ein vorchristlicher Brauch, den eindrucksvoll Adam Mickiewicz in seinen „Dziady“ im XIX. Jahrhundert beschrieb. In Polen glauben einige, dass in dieser Nacht die Seelen der Toten, die aus dem Fegefeuer befreit wurden, bis zum Morgengrauen auf die Erde zurückkehren und über Wege, die sich kreuzen und Friedhöfe wandern. Auf der Suche nach Hilfe, Gebet oder Opfergabe. In einigen Regionen glaubt man, dass die Geister der verstorbenen Kinder nachts als Vögel zurückkehren und am Allerseelentag auf den Ästen sitzen und die Prozession auf dem Friedhof beobachten.

Es verwundert also nicht, dass ich damals, als ich aus dem Krankenbett nach der OP durch das Fenster schaute in meiner Einsamkeit unweigerlich an die Einsamkeit meines Großvaters Stanisław Majchrzak in Auschwitz-Birkenau denken musste. Dieses Gefühl kennen viele Nachkommen. Ich will nicht in ihrem Namen sprechen. Will nur berichten, was es auslöste und wie mich das berührte, was heute die Überlebende des Anschlages auf die Synagoge Rabbinerin Rebecca Blady vor Gericht aussagte.

Später im Verfahren erfuhr ich, dass mehrere Taxifahrer am nahegelegenen Taxistand den Vorgang wohl beobachtet haben müssen. Keiner stieg aus. Eine Straßenbahn fuhr vorbei, sie fuhr sogar langsamer, aber keiner griff ein. Als einige Monate später andere Neonazis mit einer Waffe vor meiner Wohnung auf mich warteten, und mir die Pistole an den Kopf setzten, gab es auch niemanden, der was gesagt hat, der den Mut hatte einzuschreiten, obwohl dann Zeugenaussagen darüber da waren, dass jemand das wieder aus der Straßenbahn beobachtet hat.

Deshalb möchte ich unseren Blick auf diesen Menschen, Herrn S. richten, der damals angehalten hat. Er tat dies als Selbstverständlichkeit. Eine einfach menschliche Tat. Eine einfach menschliche Reaktion. Wir wissen nicht viel über Herrn S. Wir wissen nicht, was dieser Mann gefühlt haben kann, als der Mörder auf ihn mehrfach die Waffe gerichtet hat und abdrückte, seine Waffe versagte. Genauso wenig, wie wir wissen können, was ihn veranlasst hat, als einziger anzuhalten und zu schauen, was mit der am Boden liegenden Jana ist. Wir sollten uns ein Beispiel an Herrn S. nehmen! Wir können nicht wissen, ob der Mord an Jana und Kevin so auch hätte verhindert werden können.

Wir wissen aber, dass durch eine einfache menschliche Geste solche Taten in Zukunft verhindert werden könnten. Wenn wir früher widersprechen! Wenn wir früher aufmerksam werden auf Hass! Wenn wir Verantwortung übernehmen!

Und genauso danke ich auch Euch, dass Ihr hier seid und beständig diese Mahnwache hier führt. Ihr verdient große Hochachtung, weil Ihr aufrütteln wollt und dafür bin ich Euch dankbar persönlich aber auch im Namen all der Nachkommen der NS-Verfolgten und Überlebenden der Shoah, die als dritte Generation ihre Stimme gegen Antisemitismus und jede Ideologie der Ungleichwertigkeit erheben möchten.

Als Nachkommen versuchen wir angesichts der Vergangenheit, der Erfahrungen unserer Großeltern und der transgenerationellen Weitergabe der Verletzungen und Traumata in unseren Familien uns aktiv für eine Kultur der Erinnerung einzusetzen, aber wir sind auch in der Gegenwart aktiv gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Hass. Um der Zukunft willen. Denn Erinnerung muss zum Handeln animieren. Denn Erinnern heißt Handeln!

Und ich weiß nicht, was mein Großvater damals in Auschwitz-Birkenau, als er sich im Krankenrevier vor der Selektion durch die SS-Ärzte in einer Latrine versteckte, sich für die Zukunft ausgemalt hat, ob er dachte je Kinder zu haben, einen Enkel. Er hat wahrscheinlich nur an diesen Moment gedacht, dass man noch bis zum Abend überlebt, dann bis zum nächsten Tag, dann noch einen Tag und genau so hat es auch Marian Kalwary erzählt: es ging immer nur darum den nächsten Tag zu überleben.

Welche Rolle spielt nun die Erfahrung der nazistischen Gewalt gegenüber unseren Großeltern und unserer eigenen Gewalterfahrungen mit Neonazis? Was prägt uns stärker? Die Trauer über die Folter unserer Vorfahren in der Strafkompanie in Auschwitz-Birkenau, oder die Peitschen in den Stollen von Mittelbau-Dora? Der Schmerz nichts tun zu können gegen den Hunger, Durst und die Verzweiflung meines Großvaters, der an den Wahnsinn getrieben wurde in einem verschlossen Vieh-Waggon, als er in den letzten Kriegstagen vom KZ Ellrich nach Bergen-Belsen transportiert wurde … die Hilflosigkeit als Nachkomme nicht mit ihm darüber sprechen zu können? Oder sind es die eigenen Verletzungen durch Neonazis, die Angst seinen Schädel zusammenhalten zu müssen nach dem heftigen Schlag und das pulsierende Hirn zu berühren durch blutüberströmte Finger? Vielfach verschränken sich diese Erfahrungen, transgenerationelle Wunden, die vergessen schienen, werden durch neue Gewalt und Todesangst ausgelöst.

Deshalb bin ich der Nebenklägerin Rabbinerin Rebecca Blady von der Initiative »Base Berlin« sehr dankbar für ihre Worte, die während ihrer heutigen Zeugenaussage unterstrichen hat, wie wichtig es ist die Erfahrungen ihrer Großmutter vor einem deutschen Gericht vorzustellen, die nie selbst die Möglichkeit dazu hatte über ihren Schmerz zu sprechen. Und ich danke Rebecca dafür, dass sie uns heute darauf hingewiesen hat, dass die transgenerationelle Traumaweitergabe für viele Familien ein reales Phänomen ist, das bislang nicht genügend Beachtung in Deutschland gefunden hat. Auch nicht im Zusammenhang mit dem Halle-Prozess.

Die Verweigerung der Anerkennung transgenerationeller Traumaweitergabe ist verbunden mit der Angst die Shoah auch in ihren Nachwirkungen anerkennen zu müssen und in der Folge mit einer neuen Opfer-Gruppe konfrontiert zu werden, wenn die einstigen Shoah-Überlebenden nicht mehr da sind.

Aber es geht nicht darum, dass man zu einer neuen Opfergruppe gehören will, denn wir wollen gar keine Opfer sein. Ich spreche dabei nur im eigenen Namen. Wir sind nicht Objekte der Erinnerung, wir sind eigenständige Subjekte, mit einer Geschichte und eigenen Erfahrungen! Keiner darf die Deutungshoheit über unsere Erfahrungen, Verletzungen und deren Nachwirkung erhalten!

Und wir wollen nicht reduziert werden auf eine bestimmte Erfahrung, die wir gemacht haben hier in Deutschland mit neonazistischer Gewalt. Unsere Leben sind sehr vielfältig! Wir entscheiden selbst darüber!

Wir wollen nicht, dass die Traumatisierung von Nachkommen und der Einfluss der Traumata auf unser Leben, die Einschränkungen, mit denen sie einhergehen, nur um den Preis einer Pathologisierung der Betroffenen anerkannt werden. Dies lenkt von den eigentlichen taten ab. Es abstrahiert von den konkreten Tätern, ihren konkreten Taten, dem konkreten Umfeld, in dem sie begangen wurden und lenkt von den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Möglichkeit ab!

Es ist nicht nur ein auslösendes traumatisierendes Ereignis, sondern vielfach auch das Nachleben der Taten und ihrer gesellschaftlichen Struktur. Und wie wir danach behandelt werden. Genauso wie die nazistischen Verbrechen gegen unsere Großeltern in einem historischen Kontext eingebettet sind, genauso ist das Attentat von Halle und der Mord an zwei Menschen … sowohl die Tat selbst als auch die Nachwirkungen für die Überlebenden des Anschlages in der Synagoge und im Kiez-Döner in einem konkreten gesellschaftlichen Kontext entstanden.

Deshalb bedanke ich mich sehr dafür, was Du, Ismet Tekin, als Überlebender und Nebenkläger des Anschlages im Kiez-Döner uns sehr selbstbewusst am Rande des heutigen Prozesstages gesagt hast, dass Du auch im Hinblick auf Dein Kind und Deine Teilhabe an dieser Gesellschaft eine Erfahrung zu geben hast, einen Beitrag dazu leisten willst, dass diese Gesellschaft für die Kinder und für uns alle bessere Bedingungen für die Zukunft bereitstellen kann. Deshalb bist Du hier – deshalb sind wir hier!

Und deshalb möchte mich noch einmal bei Euch sehr herzlich bedanken, weil das sehr wichtig ist zusammen zu halten in dieser schwierigen Zeit. Wir müssen jedoch diese Gedanken und Erfahrungen aus dem Halle-Prozess stärker und breiter in unsere Gesellschaft tragen!

Kamil Majchrzak, Mitglied im Vorstand des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) und Unterstützendes Mitglied beim Vorstand des Polnischen Verbands Ehemaliger Politsicher Häftlinge der NS-Gefängnisse und Konzentrationslager (PZBWPHWiOK). Für sein Engagement für die Auszahlung von Ghetto-Renten an polnische Juden und Roma wurde er 2015 von Überlebenden mit der Mordechaj Anielewicz-Ehren-Medaille „Aufstand im Warschauer Ghetto“ und 2019 mit dem „Hans-Frankenthal-Preis“ der Stiftung Auschwitz-Komitee ausgezeichnet.