Wer hat eigentlich das Recht, wem zu sagen, wie und wo andere Menschen leben dürfen? Berechtigt eine deutsche Staatsangehörigkeit dazu, zu bestimmen, wer wann und wie fliehen darf? Unter welchen Bedingungen darf geflohen werden? Wenn die Person irgendwie für den aufnehmenden Staat nützlich erscheint?

Woher stammen diese ganzen alternativen Fakten – Fluchtursache Nummer 1: wenn „die“ alle so viel "vögeln" und nichts zu "fressen" haben, dann müssten „die“ sich ja auch nicht über ihre Situation wundern? Welches Leben ist betrauerbar und welches nicht? Wie können Menschen vorgeben, nur an dem, was in Deutschland passiert, interessiert zu sein? Wie passt das zusammen, dass sie zwar selbst keine Menschen retten wollen, aber dennoch genauso fliehen würden?

Das sind Fragen, die ich mir zwar nicht erst seit gestern stelle, die aber insbesondere seit dem Wochenende wieder sehr präsent sind.

Was ist am Wochenende passiert?

Die Lokalgruppe der Seebrücke in Dortmund nahm an der „Proteststaffel für Solidarität und Humanität“ teil, um deutlich zu machen, dass dem Sterben auf dem Mittelmeer endlich ein Ende gesetzt werden muss. Die Aktivist*innen vor Ort luden dazu ein, in das 12 m lange Schlauchboot einzusteigen, das von der privaten Seenotrettungsorganisation Sea Eye geborgen wurde.

Es waren Menschen in diesem Boot, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben und doch nie angekommen sind. Sicher ist nur, dass das Schlauchboot in Libyen gestartet ist. Was mit den Menschen in dem Boot passiert ist, ob sie im Mittelmeer ertrunken sind, oder zurück nach Libyen gebracht wurden, konnte nicht geklärt werden.

Neben dem Schlauchboot waren Infostände aufgestellt, es wurden Reden gehalten und Aktivist*innen der Seebrücke verteilten Flyer und diskutierten mit Passant*innen.

Auch ich war dabei. Wir wurden angeschrien oder mussten uns Naivität „für das nicht große Ganze im Blick zu haben“, unterstellen lassen. Weiße alte Männer machten Vorschläge, wie wir die ganze Sache „mit den Flüchtlingen“ besser angehen sollten, waren aber nicht interessiert, diese Vorschläge in anderer Form weiter einzubringen. Einfach nur mal gesagt haben, dass das ja der völlig falsche Ansatz wäre, wir erst einmal in ihr Alter kommen sollten oder sie aber in jedem Fall nicht „rechts“ oder gar Rassist*in seien. Ne, weil sie ja auch mit einer „Afrikaner*in“ verheiratet sind.

Wenn auch viele positive Eindrücke und Interesse feststellbar war, machen die Erfahrungen deutlich, wie wichtig es ist, sich weiter für Gerechtigkeit zu engagieren und Menschen für die aktuell menschenverachtenden Zustände wie zum Beispiel in Libyen zu sensibilisieren. Was passiert in Libyen? Warum sind Menschen so verzweifelt und steigen in ein Boot, das mit Autogas aufgeblasen wurde?

Dass die meisten Menschen ihren Lebensort gar nicht verlassen wollen und dass Deutschland nicht überrannt wird, sondern die meisten Menschen als sogenannte „Binnenflüchtlinge“ innerhalb ihres eigenen Landes fliehen, in der der Hoffnung bald zurückkehren zu können, waren Bestandteile unserer gestrigen Diskussionen. Eine Sensibilisierung dafür, was Macht- und Herrschaftsverhältnisse bedeuten können, inwiefern Deutschland und andere westliche Länder tagtäglich dazu beitragen, dass weitere Fluchtursachen produziert werden, scheint nicht jede*r Person bewusst zu sein. Offensichtlich existiert wenig Interesse, die eigene imperiale Lebensweise zu hinterfragen oder gar Waffenexporte einzustellen. Sich mal selbst zu fragen, warum es einem selbst eigentlich zu verdammt gut geht?

Und nein, keine*r hat das Recht anderen vorzuschreiben wie sie leben sollen. Jede*r hat das Recht auf ein selbstbestimmtes, gerechtes und würdevolles Leben! Das für alle zu ermöglichen sollte unser oberster Ziel sein!

Die Seebrücke versteht sich als europaweite Bewegung, die von Akteur*innen der Zivilgesellschaft getragen wird. Sie setzt sich für sichere Fluchtwege, gegen eine EU-Abschottungspolitik, gegen die Kriminalisierung von privaten Seenotrettungsorganisationen und für ein solidarisches Miteinander ein.

Am 23. Mai 2019 soll Dortmund zum „sicheren Hafen“ erklärt werden. Ein sicherer Hafen (metaphorisch verstanden, da die allgemeinen Lebensbedingungen für geflüchtete Menschen absolut unsicher sind), bedeutet, rechtliche Spielräume der Kommunen und hier insbesondere die der Ausländerbehörden auszuschöpfen und über den Königssteiner Schlüssel hinaus, der sich an Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft der jeweiligen Kommune bemisst, Menschen in Seenot aufzunehmen.

Das Bekenntnis, ein sicherer Hafen zu sein, ist ein notwendiger Schritt, reicht allerdings nicht aus, wenn es immer noch eine Vielzahl von Menschen gibt, denen das irgendwie alles zu „bunt“ ist und die nur Deutschland und ihre eigene Lebenssituation interessiert. Damit soll nicht ausgeblendet werden, dass aufgrund struktureller Ungerechtigkeiten, gesellschaftlich rassistisch verteilten Positionen nicht jeder Mensch unbedingt die Möglichkeit dazu hat, sich täglich über das politische Geschehen oder gar aktivistisch/ehrenamtlich zu engagieren.

Wenn ihr aber die Möglichkeit/das Privileg dazu habt: werdet aktiv, schließt euch einer der zahlreichen Lokalgruppen der Seebrücke in Deutschland oder auch über Deutschland hinaus, an. Sorgt dafür, aufzuklären, dass trotz fehlender offizieller Seenotrettung oder der Kriminalisierung von privaten Seenotretter*innen, Menschen weiterhin fliehen und sie auch nicht damit aufhören werden. Bringt eure Ideen, Zeit und Überzeugung für Gerechtigkeit mit, damit wir dafür kämpfen können, jedes Menschenleben gleich wert zu schätzen und gleiche Rechte für alle Menschen zu fordern. Und ja, Seenotrettung kann gerade als eine Akut-Lösung verstanden werden und es müssen langfristig Fluchtursachen bekämpft werden, aber solange diese Forderung nur auf Wahlplakaten schön aussieht, ist Seenotrettung überlebensnotwendig!

Wie wir Skeptiker*innen das große Ganze, das wir sowas von im Blick haben, in Aktionen näher bringen können und immer wieder gegen Nationalismus, Rassismus und Ignoranz an die Öffentlichkeit gehen, das will die Seebrücke mit euch angehen!!!

Die nächsten offenen Planungstreffen findet ihr auf seebruecke.org.