Am 19. Dezember letzten Jahres legt der Spiegel einen internen Betrugs-Fall offen, bei dem ein Journalist, Claas Relotius, nach eigenen Angaben und bestätigt von Spiegel-Recherchen, jahrelang Informationen in seinen Artikel beschönigt und gefälscht habe. Das Ausmaß des Vorfalls hat umgehend bundesweite und, nachdem der Artikel auch auf Englisch veröffentlicht wurde, internationale Entrüstung ausgelöst. Unter anderem auch von der englischen Schriftstellerin und PoC Sunny Singh, deren Twitter-Thread zum Vorfall wir hier für euch (samt der animierten gifs) übersetzt haben. Signhs messerscharfe Analyse befasst sich vor allem damit, inwieweit White Privilege und Racial Group Think diesem Betrug den Weg bereitet haben.

Thread

Können wir über diese lügender-@DerSPIEGEL-Reporter-Story reden und wie es dieses imperiale, rassifizierte Gruppendenken zeigt, welches viele von uns schon seit GERAUMER ZEIT aufzeigen.
Es ist nicht nur, dass ein Reporter GELOGEN hat, sondern, dass die Organisationen und die Kultur es ermöglicht haben.

Also beginnen wir damit, dass Relotius eine MENGE von journalistischen Preisen, darunter "vier Deutsche Reporterpreise [..], den Peter Scholl-Latour-Preis, den Konrad-Duden-, den Kindernothilfe-, den Katholischen und den Coburger Medienpreis", gewonnen hat.

Es geht weiter mit 'Er wurde zum CNN-"Journalist of the Year" gekürt, er wurde geehrt mit dem Reemtsma Liberty Award, dem European Press Prize, er landete auf der Forbes-Liste der "30 under 30 - Europe: Media"'

Vielleicht sollten die @DerSPIEGEL Fakten-Prüfer und Recherche Abteilungen einmal prüfen, wie VIELE weibliche Reporterinnen diese Auszeichnungen gewonnen haben. Oder, was das betrifft - und ich weiß, dass ist eine Brücke zu weit für die westliche Presse - Reporterinnen of Color diese Preise haben.

Der Spiegel: "und man fragt sich, wie er die Elogen der Laudatoren ertragen konnte, ohne vor Scham aus dem Saal zu laufen."
Ich: *schaut ERNEUT wie ein mittelmäßiger, lügender Weißer Mann vom imperialistischen, kapitalistischen Hetero-Patriarchat der weißen Vorherrschaft gepusht wird.*

Erzählt mir mehr (sarkastisch gemeint)

Im Dezember hat die Jury des Deutschen Reporterpreis 2018 nochmal entschieden, dass der Lügner die beste Reportage des Jahres geschrieben habe. Über einen syrischen Jungen, der glaubte zum Bürgerkrieg durch ein Graffito beigetragen zu haben, dass er in Daraa an eine Wand sprühte.
WAS NEN KLOPPER!

Bin ich als Einzige alt genug um mich an den krassen Amina-Hoax zu erinnern? Das war im verdammten 2011. Das gleiche imperalistische, Orientalistisch-Denken, Wunschdenken und das Bedürfnis Europa Narrative zu wollen, ist hier im Spiel. Übrigens, ich schrieb darüber in 2011: http://sunnysinghonline.blogspot.com/2011/06/days-after-amina-hoax-came-to-light-and.html

Am Rande: ja, dort ist eine Erwähnung und ein Link zu spiked [Ein britisches Online-Magazin, Anmk. Red.] aber das war die einzige Publikation, die sich überhaupt mit dem Thema befasste. Sorry dafür...

Aber das Problem bleibt das Selbe: wie Macmaster war sich auch Relotius zu sicher, er könne die "subaltern anderen" besser porträtieren als wir es selbst können und von daher, selbstgerecht marginalisierte Stimmen angeeignet, obwohl oder vielleicht genau wegen seines Status als privilegierter weißer Mann.

ABER am Tage vor der Preisverleihung wurde eine ANDERE Reportage von Relotious in Frage gestellt. Und WIEDER war die Story über die 'Anderen', in diesem Fall die Arizona-Mexiko-Grenze.
Schon ein Muster erkannt?

Es kommt besser. In der Mexiko-Story hatte Relotius einen Co-Autoren, einen mexikanischen Journalist mit Namen Juan Moreno, dem - in einem Akt, der keine PoC in der Welt verwundert - @DerSPIEGEL nicht geglaubt hat.

Achselzuchend

Der Spiegel: "Drei, vier Wochen lang geht Moreno durch die Hölle, weil Kolleginnen und Vorgesetzte in Hamburg seine Vorwürfe anfangs gar nicht glauben können. Relotius? Ein Fälscher? Der bescheidene Claas? Ausgerechnet?"
Yeah, WIE KÖNNTE DER WEIßE JUNGE LÜGEN?
Das, @DerSPIEGEL, ist wie Rassismus operiert!

"Es wird im SPIEGEL noch Ende November, Anfang Dezember für möglich gehalten, dass Moreno in diesem Spiel der eigentliche Halunke ist und Relotius das Opfer einer üblen Verleumdung."

Dem weißen Jungen wird geglaubt. Der Outsider/PoC/Randgruppe muss UNWIDERLEGBARE BEWEISE vorlegen!

"Geschickt pariert Relotius alle Angriffe, alle gut recherchierten Beweise Morenos. Immer wieder findet er Mittel, Zweifel zu säen, Vorwürfe plausibel zu entkräften, die Wahrheit mit allen Mitteln zu seinen Gunsten zu verdrehen. "
Nee, Schätzchen, du willst einfach nur dem Weißen Jungen glauben!

"Du bist so weiß."

Und in all dieser Selbstzerfleischung und Empörung schafft es @DerSPIEGEL eine Weiße Unschuld™️-Rettungsleine gen Relotius zu werfen:
"Bis er endgültig nicht mehr schlafen kann, gejagt von der Angst vor Entdeckung... setzt er sich hin ... und macht reinen Tisch oder jedenfalls das, was er dafür hält."

Weiße Tränen

Und es geht weiter:
'Während seines Geständnisses am Donnerstag sagte Relotius wörtlich: "Es ging nicht um das nächste große Ding. Es war die Angst vor dem Scheitern." Und "mein Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde".'

Gut sortierte Weiße Tränen.

Soll ich dankbar sein, dass Women of Color kaum Erfolg erlaubt wird und wir somit nicht diese schreckliche 'Versagensangst' erleiden, die Relotius dazu gebracht haben wiederholt ZU LÜGEN und EINE GANZE KARRIERE samt Ruhm, Vermögen und Preise darauf zu bauen?
die Wut

"Fick Dich"

Oh, es gibt Lügen in Reportagen. Und dann gibt es Lügen im Lebenslauf:
"Relotius will auch, laut einer biografischen Selbstauskunft, für den britischen "Guardian" geschrieben haben. Im Archiv des SPIEGEL findet sich dafür kein Beleg."
Was sagt @guardian?

'Wenn Relotius schreibt, die kleine Stadt zähle "drei Kirchen, zwei Jagdklubs und eine Hauptstraße, die sich kilometerlang zwischen heruntergekommenen Flachbauten hinzieht", wäre das dank der vielen Möglichkeiten des Internets wohl auch überprüfbar'

Diese ganze Sektion, wie der @DerSPIEGEL Fakten prüft, erklärt ziemlich gut, warum Relution über Jahre gelogen hat und dafür belohnt wurde.
Googlemaps ist ein guter Punkt beim "Fakten prüfen", aber es ist NICHT das verdammte Ende des Prozesses.

Der Spiegel hausiert hier wieder mit Weiße-Unschuld™️ Entschuldigungen: "Dass ein Kollege vorsätzlich betrügt, kann nicht Teil der alltäglichen Überlegungen im Journalismus sein."
Wäre spannend zu sehen, wie Fakten ihrer "ausländischen" Journalistinnen überprüft werden. Nur so zum Vergleich.

MEHR Bullshit von @DerSPIEGEL: "Dann ist die Bereitschaft, noch die unglaublichsten Geschichten für wahr zu halten, solange sie nur plausibel wirken, ziemlich grenzenlos."
Nee, Schätzchen. Es ist WER die Story erzählt und euer eigener Bedarf, ihnen zu glauben. DAS IST, wie Machtungleichgewichte funktionieren.

Als Redakteurin & Resort Leiterin ist die erste Reaktion, wenn du eine solche Reportage erhältst, erfreut zu sein, nicht misstrauisch. Du bist interessiert, die Reportage nach Kriterien wie handwerkliches Können, Dramaturgie, harmonischen sprachlichen Bilder hin zu prüfen, nicht ob es wirklich wahr ist.

Ich wünschte mir SO, mir wäre diese Fanfare erlaubt werden. Hölle, ich bekomme heute noch nicht so viel Spielraum.
Weiße-Männer-Privilegien sind eine unglaubliche Droge.

Und so war es von Anbeginn: 'von Zeit zu Zeit schwingt er den ganz großen Hammer. Legt im April 2016 "Nummer 440" vor, die sensationelle Geschichte über einen zu Unrecht in Guantanamo einsitzenden Jemeniten....."
...'Relotius sagt, mit "Nummer 440" gebe es Probleme in Sachen Fake News'

Seine erste große Reportage ist also über einen jemenitische Gefangenen in Guantanamo. Seine nächste bekommt eine Menge Preise und ist über zwei Waisen von Aleppo, die als Sexsklaven in der Türkei enden.
Verdammte Hölle! HAT NIEMAND BEI @DerSPIEGEL EDWARD SAID [Autor von  "Orientalismus", Anmk. Red.] GELESEN?!

Die Eröffnung der Aleppo-Waisen-Reportage - zu finden in diesem der Spiegel Artikel - ist eine krasse Wiederaufwaschung Orientalistischer Klischees. Jede vernünftige Redakteurin würde und SOLLTE diese erkennen.

Bei dieser Zeile läuft es mir den Rücken runter: 'Als Relotius das eine Kind traf, Ahmed, den Bruder, war ein Fotograf dabei, gewissermaßen als unabhängiger Zeuge. Das Bild des Mädchens Alin dagegen hat Relotius selbst aufgenommen, mit ihr war er allein unterwegs, ohne Fotografen.'
Herrgott noch eins!

Vielleicht habe ich einfach zu lange gelebt und zu viel mit Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrungen gearbeitet, aber dabei läuten bei mir alle Alarmglocken!

Währenddessen beim jemenitische Gefangen in Guantanamo, die @DerSPIEGEL hatte, ist so expliziter Bullshit, dass jede mit nem halben Hirn und IRGENDWELCHEM Wissen des Jemen, der Region, des 'Global War on Terror' oder Guantanamo bei einem Blick darauf als Unsinn entlarven müsste

Er spricht nicht mal direkt mit dem Gefangen, sondern bekommt seine Stimme (VERDAMMT! Hat er geschrieben) von anderen Quellen, unter anderem: 'ein Anwalt, ein Bruder "im Jemen", einstige Zellennachbarn, und dazu gibt es Lagerberichte, geleakte Geheimakten, persönliche Briefe. '

Der Spiegel zu der ersten Reportage: 'Nichts weiß er, und er gibt es am vergangenen Donnerstag zu, dass er sich die innere Wandlung des Häftlings weitgehend vorgestellt hat,'
Yeah, aber eure Redaktion hat es abgenommen. Der deutsche Medien Zirkel hat es gelobt. Er hat Preise für das Hausieren von Orientalismus bekommen.

Siehe da, sein nächstes Werk ist 'ein bestürzender, nicht nur in Journalistenkreisen bekannter Text darüber, wie die Schergen des "Islamischen Staats" zwei Brüdern im Alter von 12 und 13 Jahren die Gehirne waschen und sie als Selbstmordattentäter nach Kirkuk schicken'

Männer sind Deppen.

Hier überschreitet es die Grenze vom Lügen aus Versagensangst-Bullshit zu aktivem Verbreiten von islamophober Propaganda (und vergessen wir nicht den Kontext, dass diese Kinder-Bomber-Reportage Anfang 2017 heraus kam).

Relotius zitiert einen der beiden mit "Koranverse, die ihm angeblich von IS-Leuten eingebläut wurden....und nichts davon hat sich wirklich ereignet, außer im Kopf des Autors, der sich gerade eine neue Preisgeschichte schnitzt."

Zur Erinnerung, dies ist im Kontext nicht nur der Post-9/11-Islamophobie aber auch der geflüchteten Kriese, Merkels Entscheidung diese 'eine Million' Geflüchteten aufzunehmen, rechts-extremer Falschmeldungen über arabische Vergewaltiger und Terroristen und alles ermöglicht durch die Presse. Sowie Chump's Wahl in 2016.

Relotius erfindet ein Selbstmord-Attentäter-Kind, welches durch den IS radikalisiert wurde und die Zeit damit verbringt, Koran-Verse zu rezitieren.
Leni Riefenstahl wäre stolz!!!!

Nachdem er sich mit diesen 'schrecklichen' Fremden-Stories aus dem Mittleren Osten bewiesen hat, geht es für Relotius in die USA. Hier wird die Mitschuld der @DerSPIEGEL Redaktion und des redaktionellen Prozesses erneut augenscheinlich.
Dies mal sind die Lügen lachhaft.

Okay, Regel Nr. 1 für Nachrichten-Redakteurinnen: Wenn eine Reporterin sagt, dort gibt es ein Schild "Mexikaner draußen bleiben" am Stadteingang, dann fragst du die Reporterin nach einem Foto.

Es ist 2018, verdammt. Du kannst es nicht auf Instagram zeigen, dann hat es nicht statt gefunden!!!!!!

Er lügt schnurstracks darüber, mit @Kaepernick7's Eltern gesprochen zu haben.
Lass mich dir das Muster buchstabieren: Relotius lügt in JEDER Reportage, die er abgibt, aber er ist besonders ungeheuerlich beim Erfinden, wenn es um PoC, Fremde und Ausländer geht.
Das ist glasklare imperialistische Kackscheiße.

Diese weißen Männer sind gefährlich.

Oh, und auch bei Frauen.
Das ist zum Schreien: 'Er hat eine Geschichte erfunden, 40.273 Zeichen lang, fünf Seiten und eine Spalte in der SPIEGEL-Ausgabe 10/2018, Seite 58 bis 63. '
Hey @DerSPIEGEL, Ich bin eine bona fide Romanautorin und ich könnte euch mehr Fakten-basierte Fiktion liefern als dieser Schmuck.

Und mehr Weiße Unschuld™️ von Relotius bei @DerSPIEGEL: 'Mit ihm stimme etwas nicht, sagt Claas Relotius, daran müsse er nun arbeiten. "Ich bin krank, und ich muss mir jetzt helfen lassen."'
Lustig, wie Weiße Männer NIEMALS verantwortlich sind oder Schuld haben. Die sind dann halt krank.

Diese Weiße Unschuld™️ dient einem Zwecke. Es soll ein sympathischeres Portrait von Relotius liefern und eröffnet Wege der Rehabilitation. Es erinnert mich an Johann Hari, der auch lügte gelogen hat aber bald mit einem gehypten Buch zur psychischen Gesundheit auftauchte (bemüh dich nicht - es ist super problematisch)

Es lässt dabei sind außerdem @DerSPIEGEL Redakteure und Verantwortliche aus dem Schneider, nicht nur fürs nicht-Fakten-Prüfen, sondern sich auf ihre Vorurteile und Stereotypen verlassen zu haben, anstatt der Glaubwürdigkeit von Fakten.

Es erinnert mich außerdem an die Banken-Krise 2008, wo ein Mangel an Vielfalt in Vorständen und Orten der Entscheidungsmacht, die ganze Struktur zum Gruppendenken verleitete. Wir WISSEN, dass Vielfalt bessere Entscheidungen in ALLEN Institutionen bedeutet.

Und das ist, wo @DerSPIEGEL scheiterte. Hätten sie mehr Journalistinnen aus der Region und den Gemeinschaften, über die Relotius log, eingestellt, befähigt und gefördert, wäre der Betrug nicht so weit gekommen.

Hätten sich die @DerSPIEGEL Redakteure bemüht, Journalistinnen mit regionalen, sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten und Wissen einzustellen, zu beauftragen, in den Dienst zu stellen, anstatt Relotius mit einem Fallschirm abzuwerfen, damit er ihre bereits bestehende Vorurteile befüttern kann, dem wäre dann wäre dem vor langer Zeit Einhalt geboten worden.

Und falls @DerSPIEGEL Redakteure nicht so verängstigt wären, von Menschen zu hören, die ihre Geschichten LEBEN anstatt ihrem imperialistischen Impuls nachzugeben, Geschichten in akzeptable Narrative zu pressen, wären Sie heute nicht in dieser demütigenden Position.

Hoffentlich nehmen sich nutzen @DerSPIEGEL und andere Publikationen dies als Möglichkeit, daran zu lernen und bewerten neu, was es heißt, journalistische Standards zu vertreten, wie auch zu verstehen, wie ihr eigener Bias und struktureller Ausschluss zu diesem beschissenen Journalismus führte.

Ende des Threads.

Ich bin raus.