Schon Karl Popper wusste 1946, wenn du die Nazis reden lässt, redest du nicht mehr lange selbst! Ein Plädoyer gegen die Toleranz von Intoleranz.

Ich muss so 14/15 gewesen sein, als ich mich in meinem Geburtsort Bielefeld auf einer kleiner 15-20-Personen Demo gegen Intoleranz des lokalen Arbeiter-Jugend-Zentrums wiederfand. Es war lustig, unter lauter Punk-Musik und Polizei-Eskorte haben wir einen übermenschlich großen Ballon durch die Innenstadt gerollt und Transparente hoch gehalten. Auf dieser Demo diskutierte ich mit den anwesenden Freundinnen, ob es nicht ein Widerspruch sei, denn mit der Forderung nach mehr Toleranz zeigten wir schließlich selbst Intoleranz gegen intolerante Menschen. Gleichzeitig sei es aber ja intolerant Intoleranz gegenüber tolerant zu sein.

Damals war das eher eine hypothetische Debatte, über Sprache und ob maximale Prinzipien überhaupt erstrebenswert sind. Denn wir waren uns einig: wir sind nicht intolerant, wenn wir gegen Intoleranz einstehen (duh!), sondern es ist der einzige Weg, Toleranz überhaupt zu verteidigen.

Es war Jahre bevor ich erstmals von Karl Poppers Toleranz-Paradoxon gehört habe, welches der Philosoph 1946 in seiner politischen Analyse des Fall der Weimarer Republik "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" veröffentlichte. Darin schrieb er:

Weniger bekannt ist das Paradoxon der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.

Und folgert:

Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.

Wem das jetzt zu kompliziert ist, dem sei einmal ein Zitat von Goebbels aus der „Wartburg“-Rede vom 4. Dezember 1935 ans Herz gelegt, in dem er erklärt, wie die Nazis die "Schwierigkeit", die Parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik, aus dem Weg geräumt haben (Mitschnitt im SR-Archiv, circa 15:10, für Kontext aber am Besten ab 13:45 hören):

Wenn unsere Gegner sagen: Ja, wir haben Euch doch früher die […] Freiheit der Meinung zugebilligt – –, ja, Ihr uns, das ist doch kein Beweis, daß wir das Euch auch tuen sollen! […] Daß Ihr das uns gegeben habt, – das ist ja ein Beweis dafür, wie dumm Ihr seid!

Denn wo er Recht hat, hat er Recht. Wenn die Toleranz als ultimative Maxime der offenen Gesellschaft angesehen wird, wenn selbst denen, die sie abschaffen wollen nicht nur die Meinungsfreiheit garantiert, sondern private und kommerzielle Plattformen geboten werden, dann kann diese wachsen und gedeihen und dann gibt es dafür ja nur eine natürliche Grenze: die Abschaffung der offenen Gesellschaft selbst.

Wer glaubt, mit dem Postulieren von Meinungsfreiheit und durch das Eintreten dieser für Nazis und autoritäre National-Radikalisten, die Lügenpresse-schreiend mit Fackeln durch die Straßen ziehen, wer meint, damit die offene Gesellschaft feindlich zu verteidigen, irrt sich nicht nur, sondern trägt selbst zu deren Untergang bei. Ich verstehe nicht, warum das so schwer zu verstehen zu sein scheint.

Oder vielleicht ist es das ja gar nicht.

Bisher habe ich kein schlüssiges Argument gegen das Toleranz-Paradoxon gehört. Und wenn Du auch keines hast, aber nach dieser Lektüre weiter meinst, "die Meinungsfreiheit von Andersdenkender" durch das Verkaufen von Nazi-Büchern zu verteidigen ... naja... also unwissend hast du es dann ja nicht mehr getan... just sayin'.


Sidenote: "Witziges" Gimmik, im übrigen - In der Rede meint Goebbel (ab circa 16:20) auch, dass sie sich ja nicht hinter einem "der Reichstag hat es so beschlossen" verstecken könnten, sondern, dass sie selbst für die politischen Entscheidungen bürgen müssten: "Sondern was wir tuen, das müssen wir selbst verantworten und wir scheuen diese Verantwortung nicht". Worauf er ein zustimmendes Grölen und tösenden Applaus bekommt. Und erklärt später (ab circa Minute 28), dass die anderen Parteien aufgelöst wurden, "weil sie überflüssig waren" und welchen generellen Allmachts- und Einheitsanspruch die NSDAP hat.

Aber die Deutschen wussten ja von nichts und können auch nicht verantwortlich gemacht werden, was die Nazis da gegen ihren Willen gemacht haben. Ist klar.